GAHR

"Streben"

Begleittext zur Skulptur von Stefan Gahr

Der Mensch, eingekeilt zwischen Geist und Materie. Fest verankert in Gewohnheiten, genetisch vorbestimmten Wesenszügen und doch gefühlsmäßig zu Höherem bestimmt.

Das Fundament ist erdig, vorgezeichnet in seiner Triebhaftigkeit und in schier unüberwindlichen Instinkten. Doch immer wieder reißen wir kraftvoll an unserem Leben, um ihm doch noch eine von uns bestimmte Richtung zu geben. Es lockt der Himmel, das weite Feld, die Freiheit.

In meiner Skulptur löst sich der Mensch von seinem eigenen Fundament, um sich mit der nach oben dringenden Urkraft in Freiheit auszubreiten.
Um sich an der Spitze wieder an seinen Ursprung zu erinnern, der diesen Höhenflug erst möglich gemacht hat.

Diese Dynamik ist bereits im Herstellungsprozess vorhanden. Beginnend mit einer übersteigerten Kraftanstrengung zerstört der Schweißbrenner das vorher aufgebaute Stahlgerüst und überzieht es mit flüssiger Bronze. Der zu einer geballten Masse verschmelzende Kegel richtet sich langsam, doch unweigerlich auf. Ein Strebt nach oben, in der sich schon bald die Vorstellung eines Menschen ausbildet.
Beine, Hüfte, Wirbelsäule, Brustkorb entstehen förmlich miteinander. Der Torso zeugt von meiner eigenen Kraftanstrengung. Nach hinten gebogen und gedreht will er sich von seinem Fundament befreien.
Meine Vorstellungen werden immer genauer. Das Schleifen, Schweißen, Hämmern und Erkennen geschieht bald automatisch, während mir mein Geist bereits vorauseilt. Ein Arm streckt sich kraftvoll nach hinten, sein Gegenstück, wie auch der Kopf, werden von meinem Geist einfach mitmodelliert, ohne für den begonnenen Höhenflug noch von Bedeutung zu sein.
Eine Explosion der Gefühle führt zur Auflösung der Form. Eine gefühlsmäßige Wärme breitet sich nach allen Richtungen aus und mit ihr auch der zu einem Symbol für meinen Freiheitsdrang gewordene Arm. Er stürzt sich aufwärts strebend über das Abbild des Körpers um sich endlich zum Stillstand gekommen, lustvoll auf den glühenden Lebensweg zu konzentrieren.