GAHR

Manchmal stelle ich mir das Leben als Fluss aus Farbe vor.

Ich spiele Gott, indem ich neue Fassetten in der unendlich reichen Farblandschaft erschaffe.

Gewaltsam zerstöre ich die Harmonie, ich reiße Narben in den Farbteppich.
Doch die mir lebendig erscheinende Farbfläche fügt sich wieder zusammen.
Erschafft sich immer wieder neu.

Eine neue Farblandschaft ist entstanden.
Das Leben erstarrt im Augenblick.

Das Spiel beginnt von neuem.
Immer wieder zerstöre ich Harmonien, weiche fast erstarrte Strukturen auf und lasse sie erneut am bunten Treiben teilhaben.


Das Bild ändert sich.
Der Malprozess entgleitet mir scheinbar.

Eine Symbiose aus Farben, Zigaretten und meinen grenzenlosen Gedanken schiebt mich vorwärts.

Durch behutsame Korrekturen dränge ich die Farben in ihre vorbestimmten Wege.

Meine Gewaltakte schmerzen mich.

Das Bild zu meinen Füßen mahnt mich mit seiner grenzenlosen Tiefe zu immer größerer Zurückhaltung.
Mein ästhetisches Empfinden erscheint mir kleinlich.
Komposition ? Zsss.

Mein Bild ist für mich unantastbar geworden.
Ich ertrinke in Farbe.

Doch was soll das leblose Ding am Boden?
Was bleibt mir?
Ist es der Mühe wert?

Um mich von diesen gefährlichen Fragen abzulenken räume ich die Farbdosen weg,
rauche eine Zigarette, mach' die Augen zu, sehe lebendige Farbe.
Ich trinke die Flasche aus, mach' wieder die Augen zu, bewundere mit offenem Mund die Komplexität meiner Vision.

Müde aber glücklich strebe ich zum Waschbecken, gleite über einen Farbteppich von herzzerreißender Schönheit und knalle mit meinem Kopf auf die Leinwand.

Das Leben erstarrt im Augenblick.

(Stefan Gahr, 2003)